Rollkur? LDR? Absolute Aufrichtung? Oder anatomische Besonderheiten?

Die Körperhaltung eines gerittenen Pferdes sagt viel über das reiterliche Können und gesunde Bewegungsmechanismen aus. Doch wann handelt es sich um eine ungesunde oder gar erzwungene Haltung? Wodurch wird diese verursacht? Und wie kann man auch als Laie erkennen, was korrekt ist und was nicht? Diese Fragen wollen wir im folgenden Artikel beantworten.

Die Zusammenarbeit von Mensch und Tier

Die gesamte reiterliche Welt steht unter Beobachtung, sei es im Sport, in der Freizeit oder im Kontext von Shows. Es ist richtig und wichtig, dass in der Zusammenarbeit von Tier und Mensch darauf geachtet wird, dass den vierbeinigen Partnern zu keinem Zeitpunkt Leid zugefügt wird. Dabei ist es irrelevant, ob es sich um einen Hamster, einen Hund, ein Pferd oder einen Affen im Zoo handelt. Ein harmonisches Miteinander muss zu jedem Zeitpunkt die Prämisse sein und das Vertrauen eines Tieres darf niemals missbraucht oder ausgenutzt werden. Leider, da darf man sich nichts vormachen, wird diese Prämisse von einigen Menschen nicht befolgt. Doch glücklicherweise gibt es gesetzliche Regularien, die genau dies verhindern sollen. Es gibt Vereine, die sich für das Tierwohl engagieren und viele Menschen, die auch in privaten Kontexten darauf achten, dass Tiere artgerecht gehalten und behandelt werden und der Umgang mit ihnen fair ist. Die gesellschaftliche Sensibilität diesem Thema gegenüber ist unglaublich bedeutend und gewinnt immer mehr an Relevanz. Umso wichtiger ist es jedoch auch einschätzen zu können, wann nicht im Sinne eines Tieres gehandelt wird, wann es sich sogar um Tierquälerei handelt oder wann alles in Ordnung ist – und hier wird es verzwickt: Das fachliche Know-how, dies zu beurteilen, haben wenige Menschen. Zu schnell werden Situationen abgeurteilt, die eventuell aus dem Kontext gerissen sind oder nicht wirklich von außen eingeschätzt werden können. Daher ist es unumgänglich, dass jede Person, die mit Tieren arbeitet, sehr transparent und auch erklärend nach außen agiert und kritische Stimmen nicht einfach abtut, um zu vermeiden, dass die Zusammenarbeit von Mensch und Tier vollends verteufelt wird.

Das Pferd geht zu eng! Wirklich?

Besonders der Reitsport sorgt immer wieder für Diskussionen, in denen sich viele Menschen zu Wort melden. Davon sind natürlich auch unsere Shows nicht ausgeschlossen. In den letzten Jahren gab es leider einige Situationen und Vorfälle im internationalen Sport, in denen die harsche Kritik am Tun einiger Personen durchaus berechtigt war. Doch zu schnell wird von Einzelnen auf alle anderen geschlossen und es werden Dinge gesehen, die so gar nicht stattfinden. Umso wichtiger ist es, aufzuklären und das Gespräch zu suchen, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Einer der häufigsten Vorwürfe, vor allem an Dressurreiter, ist, dass ihre Pferde zu eng gehen. Was bedeutet das? Bei dieser Kritik handelt es sich um die Kopf-Hals-Haltung im Rahmen der Zäumung. In der klassischen Reitlehre versteht man unter der optimalen Körperhaltung in Versammlung, auch im Sinne der Gesunderhaltung des Pferdes, dass die Nasenlinie des Tieres an oder kurz vor der Senkrechten ist, die Ganaschen geöffnet sind und das Genick der höchste Punkt des Pferdekörpers ist. Der Rücken sollte leicht aufgewölbt sein und entspannt bei jedem Schritt mitschwingen, die Hinterbeine bringen den Körper mit viel Schubkraft nach vorn und jede Bewegung ist durchlässig vorwärts gerichtet. Der Schweif des Pferdes sollte entspannt pendeln, die Ohren aufmerksam spielen und das Gebiss der Zäumung sollte gut angenommen werden, was man zum Beispiel durch Kauen und eine leichte Speichelbildung erkennen kann. So viel zur Theorie. Um diesen Zustand dauerhaft zu erreichen, bedarf es jahrelangem Training, viel Vertrauen und Hingabe sowie einiges an fachlichem Wissen. Jeder Reiter sollte diesen Idealzustand kennen und ihn anstreben. Doch es gibt vieles, was schief gehen kann: Angefangen bei einer suboptimalen Bemuskelung des Pferdes über reiterliche Fehler bis hin zu Erkrankungen des Tieres, die es unmöglich machen, diesen Idealzustand zu erreichen. Schnell kann es passieren, dass vor allem die Kopf-Hals-Haltung vom Optimum abweicht. Dafür gibt es diverse Gründe, die erst einmal nichts mit Tierquälerei zu tun haben, da diese inkorrekte Haltung vom Reiter gar nicht explizit gewünscht ist, sondern schlicht unbeabsichtigt passiert. Gleichzeitig gibt es Methoden und Fehler, die dauerhaft zu einer falschen Kopf-Hals-Haltung führen können, welche schädlich für den Pferdekörper und auch seine Psyche sind. Am Ende handelt es sich beim Reiten um zwei selbstständige Lebewesen, die ihre Bewegungen in Einklang bringen müssen, um als Team ein harmonisches Miteinander zu erreichen. Pferde sind, genau wie Menschen, keine Maschinen, haben eigene Bewegungsabläufe, einen eigenen Willen und gute wie schlechte Tage. Zu erwarten, dass stets alles wie am Schnürchen läuft, ist unrealistisch.

 

Rollkur – Das schwarze Schaf im Pferdetraining

Ein Begriff, den mittlerweile auch viele Nicht-Reiter kennen: Rollkur. Dabei handelt es sich um eine, dem Pferd eindeutig schadende Methode des Reitens, welche heutzutage nicht nur von Tierschützern, sondern auch von großen Pferdesportverbänden wie beispielsweise der FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung) oder der FEI zurecht scharf kritisiert wird. Letztere definiert die Rollkur bzw. Hyperflexion als eine mit aggressiver Kraft herbeigeführte Kopf-Hals-Position, die dem Pferd sowohl physisch als auch psychisch Schaden zufügt und daher nicht zu tolerieren ist. Die Rollkur-Haltung beschreibt ein Pferd, dessen Kopf nach unten auf die Brust gezerrt wird, sodass im Schlimmstfall sogar das Maul die Brust unten berührt. Dabei wird der Hals massiv überdehnt und der Widerrist, nicht wie gewünscht das Genick, bildet den höchsten Punkt des Körpers. Einhergehend mit dieser Position kann man häufig beobachten, dass das Maul sowie die Augen aufgerissen werden und das Pferd klare Zeichen von Unwohlsein oder Schmerzen zeigt. Relevant ist es hier festzuhalten, dass die Fixierung in dieser Position willentlich und unter Einsatz körperlicher Kraft durch den Reiter herbeigeführt wird – man kann auch als Laie sehen, wie massiv Reiter bei der Rollkur mit der Hand arbeiten und wieviel Kraft aufgewendet werden muss. Hyperflexion schadet also dem Pferd und ist somit nie und in keinem Fall anzuwenden. Generell wird diese Art zu reiten besonders beim Aufwärmen und in Trainingsmomenten praktiziert, wobei man jedoch auch in sportlichen Prüfungen und Wettbewerben teilweise und mit geschultem Auge sehen kann, wenn ein Pferd auf diese Weise ausgebildet wurde.

Bei CAVALLUNA wird diese Art des Reitens weder praktiziert noch toleriert, nicht auf und auch nicht hinter der Bühne!

LDR – Hier scheiden sich die Geister

Ein weiterer Begriff, der von vielen kritisch gesehen wird, ist „LDR“, was für „Low, Deep, Round“ steht, also: niedrig, tief, rund. Die Kopf-Hals-Position bei LDR ähnelt der Rollkur durchaus, wird jedoch nicht durch aggressive Kraft hervorgerufen. Nichtsdestotrotz ist auch das Konzept der LDR sehr umstritten; Einige machen zwischen Rollkur und LDR gar keinen Unterschied. Schaut man genau hin, gibt es diesen Unterschied allerdings, da die Position in der LDR mit wesentlich weniger Kraft und zeitlich stark begrenzt herbeigeführt wird, um das Pferd zu dehnen. Es gibt auch heute noch Verfechter dieser Methode, die betonen, dass der kurze Einsatz zu einer besseren Gymnastizierung des Pferderückens und einer erhöhten Durchlässigkeit führt. Hier scheiden sich auch in der Fachwelt die Geister, denn der Grat zwischen erzwungener, fixierter Position und einer kurzweiligen Dehnung ist so schmal, dass ihn kaum jemand festlegen kann. Daher sollten auch erfahrene Reiter von LDR als Trainingsmethode eher Abstand nehmen und sich auf die klassische Ausbildungsskala verlassen. So sehen auch wir bei CAVALLUNA die LDR-Methode stets kritisch und lassen sie daher auch im Kontext unserer Shows nicht zu.  

Absolute Aufrichtung – Ein unbeabsichtigter Fehler

Wie bereits beschrieben gibt es diverse Gründe, warum Pferde beim Reiten hinter die gewünschte senkrechte Nasenlinien-Position kommen können. Ist der Abstand zwischen Kinn des Pferdes und Hals oder Brust sehr gering, kann man davon sprechen, dass ein Pferd „eng geht“. Neben unerwünschten und dem Tier tendenziell schadenden Methoden wie Rollkur oder LDR gibt es vor allem in der Dressur den Begriff der „Absoluten Aufrichtung“. Hierbei handelt es sich um eine inkorrekte Kopf-Hals-Position, die jedoch weder gewünscht noch willentlich herbeigeführt wird. Das Pferd richtet den Hals dabei weit mehr als gewünscht auf, drückt den Rücken nach unten weg und knickt den Kopf entsprechend steil ab. Obwohl die Nasenlinie nach wie vor an der Senkrechten steht und das Maul weit entfernt von der Brust ist (also anders als bei Rollkur und LDR) ist die Ganasche nicht offen und das Pferd wirkt zu eng gehalten. Diese Wahrnehmung ist zwar korrekt, jedoch kommt diese Fehlposition tatsächlich häufig vor, vor allem, wenn ein hohes Maß an Versammlung erforderlich ist. Zu diesem Fehler kann es kommen, wenn Übergänge zwischen zwei Lektionen oder Gangarten zu abrupt geritten werden, zu stark durchpariert wird oder die Einwirkung der Hand für einen Moment zu hart ist. In einer Show wie CAVALLUNA ist sowohl von den Reitern als auch den Pferden ein Höchstmaß an Konzentration erforderlich. Die Tiere müssen wendig sein, auf kleineste Hilfen unvermittelt reagieren und somit generell sensibel sein. Da kann es passieren, dass in der Reaktion auch mal über das erwünschte Ziel hinausgeschossen wird. Doch auch das Pferd selbst kann diese Position aus eigenem Antrieb herbeiführen, wenn es unzufrieden ist, sich vor etwas erschreckt oder sich explizit den Hilfen des Reiters entziehen will. Hierzu zählt auch das sogenannte „Abtauchen“, wenn das Pferd den Kopf nach unten zieht, zum Beispiel in Vorbereitung aufs Buckeln oder ähnliches. Von außen kaum sichtbar begibt das Tier sich selbstständig in eine inkorrekte Haltung, die natürlich vom Reiter aufzulösen und zu unterbinden ist. Man kann solche Momente jedoch kaum verhindern, es passiert sozusagen den Besten. Dies ist jedoch weit entfernt von der aggressiven Rollkur oder auch LDR zu bewerten! Solche Fehler können auch im Rahmen unserer Shows teilweise vorkommen. Solange Reiter jedoch bestrebt sind, diese Fehlposition sofort zu lösen und auch gegen diese anzuarbeiten, wird dem Pferd kein Schaden zugefügt.

Anatomische Besonderheiten – die Krux der barocken Rassen

Neben willentlich oder unabsichtlich herbeigeführten Fehlhaltungen gibt es Rassen, die für diese aufgrund ihrer Anatomie besonders anfällig sind. Dazu zählen alle barocken Pferderassen, also beispielsweise Friesen, Lusitanos oder auch PREs. Sie sind so gezüchtet, dass ihre Kopf-Hals-Position von Natur aus anders aussieht als beispielsweise bei einem Araber. Dies betrifft vor allem den Hals: Während der Hals eines deutschen Warmblutpferdes zum Beispiel tendenziell waagerecht aus der Schulter herauswächst, ragt der Hals eines Friesen eher senkrecht aus der Schulter. Man kann von einer angezüchteten absoluten Aufrichtung sprechen, die an und für sich erst einmal kein Problem darstellt. Vor allem sehr alte Pferderassen wurden für bestimmte Einsatzgebiete gezüchtet, in denen ein solches Aussehen gewünscht oder dem Arbeitsgebiet zuträglich war. Darüber hinaus zeichnen sie sich durch besondere Eleganz aus und werden von den meisten Menschen als landläufig „schön“ wahrgenommen. Die Krux daran ist jedoch, dass sie dazu neigen, sich beim Reiten in eine Position zu begeben, die als zu eng angesehen wird. Selbst wenn die Tiere ganz korrekt an den reiterlichen Hilfen stehen und sich völlig losgelassen und entspannt bewegen, kann der Eindruck entstehen, dass sie „zu eng gehen“. Dieser falsche Eindruck kann durch einen sogenannten „Speckhals“, also einen sehr breiten Hals mit hohem Fettanteil, noch verstärkt werden. Es ist daher am Reiter oder Ausbilder eines solchen Pferdes, seine angeborene Anatomie zu beachten und dafür zu sorgen, dass das Tier trotzdem den klassischen Ausbildungsrichtlinien folgend bewegt und gymnastiziert wird. Dies ist wesentlich schwerer als bei anderen Rassen und muss entsprechend richtig beurteilt werden. Die Equipen bei CAVALLUNA arbeiten sehr viel mit barocken Rassen aufgrund ihres imposanten Aussehens und sind sich deren Besonderheiten entsprechend bewusst. Wenn in der Show also ein Friese oder ein Lusitano einmal zu eng erscheint, heißt dies bei Weitem nicht, dass das Pferd inkorrekt ausgebildet ist oder geritten wird.

 

Wie man anhand der hier genannten Beispiele für Fehlpositionen und wie diese entstehen sehen kann, ist es sehr schwierig festzustellen, ob einem Pferd willentlich Schaden zugefügt wird oder nicht. Während man natürlich hofft, dass wirklich jedem Reiter auf der Welt, sei es in der Freizeit, im Sport oder sonst wo, daran gelegen ist, sein Tier korrekt und gesund zu bewegen, ist dem leider nach wie vor nicht so. Doch bei CAVALLUNA ist eines ganz klar: Die Pferde unserer Equipen gehören zu deren Familie. Sie werden jeden Tag gehegt und gepflegt und jahrelang mit viel Feingefühl ausgebildet. Vertrauen zwischen Mensch und Tier hat hier oberste Priorität und auch das Unternehmen selbst achtet penibel darauf, dass die Pferde zu jedem Zeitpunkt gut behandelt und geritten werden. Wenn Sie ein Pferd in der Show sehen, welches in ihrer Wahrnehmung zu eng geht, erinnern Sie sich an hiesige Ausführungen: Sehe ich, dass rabiate Kraft angewendet wird? Ist die Nasenlinie an oder vor der Senkrechten? Könnte es sich um einen Moment handeln, in dem der Reiter einen Fehler gemacht hat, dem Pferd aber sicherlich nicht schaden wollte? Handelt es sich um eine barocke Rasse, wie einen Friesen oder einen Lusitano?

 

Zusammengefasst gibt es verschiedene Anlässe und Möglichkeiten, warum ein Pferd in der Wahrnehmung zu eng geht. Doch statt sofort das Schlimmste zu vermuten, sollte man, egal ob Reiter oder Laie, kurz innehalten und sich fragen, was genau man gerade sieht. In vielen Fällen handelt es sich um einen kurzen Moment. Sollte dem jedoch nicht so sein, ist es wichtig und richtig, das Gesehene anzusprechen und den Dialog zu suchen. Ein vorschnelles Urteil kann viel Unheil anrichten und der Reiterei, einer an sich wundervollen Symbiose zwischen Mensch und Tier, nachhaltig schaden.